
LONG COVID, ME/CFS UND POSTVIRALE SYNDROME
Nach einer Virusinfektion – etwa nach Covid-19, Influenza, Epstein-Barr-Virus oder anderen Infekten – können Beschwerden bestehen bleiben, obwohl die akute Erkrankung längst abgeklungen ist. Man spricht dann von Long Covid, postinfektiösen Beschwerden oder – bei entsprechendem Beschwerdebild – auch von ME/CFS, der Myalgischen Enzephalomyelitis beziehungsweise dem Chronischen Fatigue-Syndrom.
Typische Symptome sind eine anhaltend verminderte Belastbarkeit, ausgeprägte Erschöpfung, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen („Brain Fog“), Kopfschmerzen, Schwindel, Herzrasen, orthostatische Beschwerden, Muskelschmerzen, Schlafstörungen, Reizempfindlichkeit oder vegetative Symptome. Für ME/CFS besonders charakteristisch ist die sogenannte Post-Exertional Malaise: eine deutliche Verschlechterung der Beschwerden nach körperlicher, geistiger, emotionaler oder sozialer Belastung, oft erst Stunden oder Tage später.
Wichtig ist: Long Covid und ME/CFS sind keine eingebildeten Beschwerden und keinenfalls primär psychiatrischen Erkrankungen. Viele Patientinnen und Patienten fühlen sich dennoch unverstanden oder vorschnell psychisch eingeordnet, insbesondere wenn Laborwerte oder bildgebende Untersuchungen unauffällig bleiben. Das bedeutet jedoch nicht, dass keine körperliche Erkrankung vorliegt. Vielmehr handelt es sich um komplexe, multisystemische Krankheitsbilder, bei denen neurologische, immunologische, vegetative und metabolische Faktoren zusammenwirken können.
In meiner Ordination lege ich besonderen Wert auf eine sorgfältige neurologische und differenzialdiagnostische Abklärung. Dabei geht es auch darum, andere behandelbare Ursachen der Beschwerden nicht zu übersehen, etwa Blutarmut, Schilddrüsenerkrankungen, entzündliche Erkrankungen, Schlafstörungen, autonome Funktionsstörungen, kardiopulmonale Erkrankungen, Depressionen, Angststörungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten.
Die Therapie richtet sich nach den führenden Symptomen und dem individuellen Belastungsprofil. Ein zentraler Bestandteil ist ein sorgfältiges Aktivitätsmanagement im Sinne von Pacing. Ziel ist es nicht, Patientinnen und Patienten zu immer mehr Belastung zu drängen, sondern Überlastung, Rückfälle und sogenannte „Crashs“ möglichst zu vermeiden. Ergänzend können Schlafmanagement, Schmerztherapie, Behandlung vegetativer Beschwerden, medikamentöse Unterstützung, neuropsychologische Strategien und psychosomatische Begleitung sinnvoll sein. Psychosomatische Begleitung bedeutet dabei nicht, die Erkrankung psychisch zu erklären, sondern den Umgang mit einer belastenden körperlichen Erkrankung zu unterstützen.
Der Verlauf kann sehr unterschiedlich sein. Bei manchen Patientinnen und Patienten kommt es im Laufe der Zeit zu einer deutlichen Besserung, bei anderen bleiben die Beschwerden länger bestehen. Umso wichtiger sind eine ernsthafte medizinische Einordnung, realistische Therapieziele und ein Behandlungskonzept, das die individuellen Belastungsgrenzen respektiert.
Wichtig: Long Covid, ME/CFS und postvirale Syndrome müssen ernst genommen werden. Der erste Schritt ist eine sorgfältige Abklärung – und ein therapeutischer Zugang, der nicht gegen den Körper arbeitet.