Lass es gut sein
Wer in meiner nervenärztlichen Ordination sitzt, will zumeist eine Lösung. Eine Diagnose, einen Plan, einen Weg nach vorn. Ich verstehe das. Und oft kann ich etwas davon anbieten. Aber es gibt Momente, in denen die ehrlichste ärztliche Antwort keine Lösung ist, sondern eine Frage: Was wäre, wenn es nichts mehr zu reparieren gibt – und genau darin eine Möglichkeit läge? „Manches wird erst gut, wenn wir es gut sein lassen“, schreibt der österreichische Dichter Ernst Ferstl. Ich begegne diesem Gedanken in meiner Arbeit häufiger, als man vermuten würde. Nicht in der Neurologie der großen Befunde, sondern in den leisen Gesprächen danach. Wenn ein Patient zum dritten Mal dieselbe Geschichte erzählt. Wenn eine Angehörige fragt, ob sie genug getan hat. Wenn jemand seit Jahren gegen etwas ankämpft, das sich nicht besiegen lässt. Durchhalten gilt als Tugend, und ich will das nicht entwerten. Beharrlichkeit hat Kraft. Aber ich habe gelernt, dass es eine Form der Erschöpfung gibt, die nicht aus Schwäche entsteht, sondern aus der Weigerung, ein Ende anzuerkennen. Beziehungen, die nicht mehr wachsen. Konflikte, die sich im Kreis drehen. Hoffnungen, die sich trotz aller Investition nicht erfüllen. Der Reflex ist dann, noch mehr zu geben – mehr Zeit, mehr Geduld, mehr Anstrengung. Als ließe sich durch bloße Intensität erzwingen, was organisch längst nicht mehr trägt. Dieses Festhalten hat einen Preis, und der Körper zahlt ihn oft zuerst. Schlafstörungen, Verspannungen, Erschöpfungszustände, die sich durch keine Erholung auflösen lassen. Der Körper registriert, was der Verstand noch nicht zulassen will: dass der Kampf seine Richtung verloren hat. Dass die Energie nicht mehr dem Ziel dient, sondern der Vermeidung einer Wahrheit, die längst da ist. In der Medizin gibt es dafür kein Protokoll. Kein Leitlinienwissen, das vorschreibt, wann ein Mensch etwas loslassen darf. Das ist eine zutiefst individuelle Entscheidung. Ich habe Patienten erlebt, die jahrelang gegen eine Diagnose angerannt sind, nicht weil sie die Fakten nicht verstanden hätten, sondern weil Akzeptanz sich anfühlte wie Verrat an sich selbst. Und ich habe erlebt, wie sich etwas veränderte, als sie aufhörten zu kämpfen. Nicht Resignation. Etwas anderes. Eine Stille, die nicht leer war, sondern weit. Loslassen ist kein Akt der Gleichgültigkeit. Es ist ein Schritt der inneren Anerkennung: dass etwas gewesen ist, dass es Bedeutung hatte – und dass es nicht weitergeführt werden muss. Wer das zulässt, trägt die Vergangenheit noch in sich, aber anders. Sie verliert ihre Schwere, ohne ihre Bedeutung einzubüßen. Auch das gehört zur ärztlichen Ehrlichkeit: den Unterschied zu benennen zwischen dem, was behandelbar ist, und dem, was angenommen werden will. Nicht jede Krankheit ist heilbar. Nicht jeder Verlust ist reparierbar. Aber der Umgang damit ist gestaltbar. Der Versuch, jede Spannung aufzulösen und jedes offene Kapitel zu schließen, kann selbst zur Last werden. Man führt innere Gespräche weiter, die längst keinen Adressaten mehr haben. Man ringt um Antworten auf Fragen, die falsch gestellt sind. Das bindet Kraft, die anderswo fehlt. Ich erlebe in den Momenten des Loslassens bei Patienten etwas, das sich schwer benennen lässt. Keine spektakuläre Wendung. Eher eine stille Veränderung im Blick. Als hätte sich etwas gelöst, das lange gehalten wurde. Was danach kommt, weiß ich nicht. Aber der Raum dafür ist da.

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